Steinbrück3. April 2013

Begegnung mit Peer Steinbrück

Damals! Das Gröbenufer. Nur so viel — ich hatte Glück am Kreuzberger Gröbenufer. In meiner Kindheit verbrachte ich viel Zeit an der Spree, nahe der Oberbaumbrücke. Auf der Westseite, versteht sich. Jetzt laufe ich mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück am May-Ayim-Ufer entlang. Das zuvor nach dem umstrittenen Otto Friedrich von der Groeben benannte Ufer wurde 2010 umbenannt und trägt nun den Namen der antirassistischen Aktivistin und Dichterin May Ayim. Nein, rassistische Vorfälle gab es in unserem Stadtteil nicht. Im Gegenteil: Er war Zonenrandgebiet, ein „Ghetto“ für Ausländer und Alternative. Ein vermeintliches „Sammelbecken“ für Revolutionäre auch.

Ich spielte als Kind häufiger am Gröbenufer und beobachtete die Grenztruppen auf der anderen Seite, dem sogenannten Todesstreifen. Manche Kinder hatten nicht das Glück, das ich hatte. Für sie wurde das Gröbenufer zum Todesstreifen. Die Öffnungen an der gusseisernen Brüstung waren für Kinder zu groß. Mehrere Kinder mussten das mit ihrem Leben bezahlen. Meine Eltern kannten zwei von ihnen und sie hatten Angst, meinem Bruder und mir könnte das gleiche Schicksal widerfahren. An dieser Stelle gehörte die Spree in ihrer gesamten Breite zu Ost-Berlin. Fiel jemand ins Wasser, wagte niemand einen Rettungsversuch, aus Angst, von den Grenztruppen erschossen zu werden. Die Spree wurde so zum Todesfluss für viele in den 60er- und 70er-Jahren. Noch heute befinden sich Gedenkkreuze und -tafeln an dieser Stelle.

Heute, über 35 Jahre nach diesen Vorfällen und mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall, ist vieles verschwommen in den Erinnerungen der Menschen. Heute sind die Menschen frei. Aber was heißt Freiheit heute? Steht die Freiheit eines Einzelnen für die Freiheit der Allgemeinheit? Sind langzeitarbeitslose Hartz-IV-Empfänger frei? Und Geringverdiener, sind sie frei? Sind die Menschen frei, die aufgrund steigender Mieten in die Randbezirke verdrängt werden? Sind Kinder aus bildungsfernen Familien frei? Und die Flüchtlinge, die seit Monaten am Oranienplatz in ihren Zelten kampieren und der Residenzpflicht unterliegen — wie erleben sie Freiheit?

Peer Steinbrück ist auf Länderreise. Am Abend des 3. April 2013 trifft er im Tempodrom auf Bürgerinnen und Bürger, wird von ihren Nöten erfahren, wird Anregungen und Kritik entgegennehmen. Es wird „Klartext“ gesprochen. Er ist da, um die Forderungen der SPD für eine gerechtere Gesellschaft zu vermitteln. Die SPD will sich für mehr Freiheit und mehr Chancengleichheit für die Mehrheit einsetzen. Freiheit bedeutet für uns Sozialdemokraten die Freiheit von sozialen Abstiegsängsten, die Freiheit von Lohnarmut, Freiheit von Altersarmut. Freiheit bedeutet für uns Sozialdemokraten auch die Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen an guter Bildung und am Wohlstand unseres Landes. Freiheit ist, wenn niemand zurückgelassen wird.

Fürs Erste aber ist Steinbrück hier. In meinem Wahlkreis — in Friedrichshain-Kreuzberg – Prenzlauer Berg Ost. Wenn es auch nur ein kleiner Ausschnitt meines Wahlkreises ist, durch den wir gemeinsam spazieren, es tut gut, ihn Steinbrück zu zeigen. In mehr als einer Hinsicht. Peer Steinbrück möchte auch Kanzler der Mieterinnen und Mieter werden — sicherlich werden die heutigen Eindrücke ihn in diesem Wunsch bestärken.

Erscheint in der BERLINER STIMME am 13. April

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