Am Samstag, 22. Februar 2014 hielt ich ein kurzes Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung über die „Galerie zinke“ im Kreuzberger Mühlenhaupt Museum. Gleichzeitig begann mit dieser Ausstellung der Zyklus „Inside Out I – Die Kreuzberger Bohème, 50er bis frühe 70er Jahre“. Das Mühlenhaupt Museum hat es sich zur Aufgabe gemacht die Erinnerung an die besondere Kreuzberger Kultur mit seinen Ausstellungen und Veranstaltungen lebendig zu erhalten.

Die „Galerie zinke“ existierte von 1959 bis 1962. Gegründet von den Dichtern und Malern Günter Bruno Fuchs und Robert Wolfgang Schnell sowie dem Bildhauer Günter Anlauf, erarbeite sich die Galerie in der Oranienstraße 27 binnen kürzester Zeit einen Kultstatus. Sie war sozusagen „der Inkubator der Kreuzberger Sub- und Kneipenkultur“ und damit ein wichtiger Impulsgeber für Kreuzberg.

Hier meine Grußwort zum Nachlesen:
(Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich persönlich finde es große Klasse, dass wir hier heute gemeinsam, mit der Eröffnung einer Ausstellung über die Galerie zinke, den Blick auf eine Künstlerszene richten, die bis jetzt kaum im öffentlichen Bewusstsein vorkommt. Ganz besonders freue ich mich darüber, dass sich der Blick auf Kreuzberg 36 richtet. Denn Kreuzberg 36 ist meine Heimat, dort bin ich aufgewachsen, dort komme ich her.

Ich habe in meiner Kindheit und Jugend die Kreuzberger, die 36er Subkultur und die unabhängige Kunstszene anders kennen gelernt als wir sie heute hier sehen werden. Nämlich Subkulturen die in den späten 70er und 80er Jahren entstanden sind, und in die ich Mitte der 70er Jahre hinein geboren wurde. Diese haben mich selbstverständlich stark geprägt. Die Hausbesetzerszene, die Autonomen, mit all den Konflikten die dann auf den Straßen während der 80er und 90er Jahre ausgetragen worden sind. Das ist ein Teil der Atmosphäre, die Kreuzberg bis heute prägt. Dazu gehören auch die freie Kunstszene, die Punks und Junkies. Natürlich vergesse ich nicht die Menschen, die – wie mein Vater – als Gastarbeiter nach Kreuzberg gekommen sind. Die hierhergekommen sind, hier heimisch geworden sind und ein wichtiger Teil dessen sind was Kreuzberg heute ausmacht.

Kreuzberg, insbesondere eben das 36er Kreuzberg ist nach dem Mauerbau und dem Ende der Galerie zinke stark durch die Randlage innerhalb West-Berlins geprägt gewesen. Begrenzt von Mauer, Landwehrkanal und der Spree, konnte sich eine ganz eigene Mischung entfalten. Das Gefühl einerseits mitten in der Stadt zu sein, gleichzeitig jedoch irgendwie am Rande der Gesellschaft zu stehen.

So ist das Kreuzberger Lebensgefühl entstanden, wie wir es heute noch kennen und lieben. Doch erleben wir dort eine enorme Verdrängung die immer stärker voran schreitet und diejenigen, die diesen Kiez so lebendig, so liebens- und lebenswert gestaltet haben, herausdrängt. Ein Problem welches uns alle angeht und an dem wir gemeinsam arbeiten müssen.

Doch kommen wir zurück auf das 36 der späten 50er und frühen 60er Jahre. Der Anspruch, den die Macher der Galerie zinke – die Dichter und Maler Günter Bruno Fuchs und Robert Wolfgang Schnell sowie der Bildhauer Günter Anlauf – hatten, war ja kein kleiner. Denn sie hatten sich vorgenommen Kunst in den Kiez zu bringen. Mitten hinein nach Kreuzberg. Kunst heraus zu holen aus den etablierten Instituten und Museen. Vor allem auch denjenigen Menschen einen Zugang zur Kunst zu ermöglichen, die ausgeschlossen, die abgehängt waren und eben nicht am sogenannten westdeutschen Wirtschaftswunder teilhaben konnten. Dass dieser Anspruch nicht eingelöst werden konnte, sei hier nur am Rande erwähnt.

In diesem Zusammenhang ist mir in der Vorbereitung zu heute ein Gedicht von Günter Bruno Fuchs besonders aufgefallen.

Rat des Sozialamtes
Wenn Sie
Keine Arbeit finden,
dann sollten Sie
schlafen
und überwintern. Sie
haben dadurch
die seltene Möglichkeit,
einigen Tieren
näherzukommen.

Es zeigt wie sehr Ende der 50er Jahre Kreuzberg schon ein Ort für die unterschiedlichsten Menschen, Künstler wie Proletarier, Angestellte wie Arbeitslose war. Damals wie heute ist unser Bezirk ein Anlaufpunkt für die Armen und Reichen, für einfache und komplizierte, für gebildete und bildungsferne Menschen.

Genau diese Gegensätze sind es, die man in 36 vor allem sehen und fühlen kann. Die aber genau wie damals, es auch so reizvoll, so spannend, so aufregend aber eben auch so liebenswert machen.

Es ist doch so, und da müssen wir auch einfach mal ehrlich sein, dass es keinen anderen Ort in unserer Stadt, wahrscheinlich auch nicht in unserem Land gibt, an dem es eine Aktion zum „längsten Strich der Welt“ gibt, und dieser sich dann auf 200 Klopapierrollen befindet. Ich glaube das ging und geht nur in Kreuzberg. Man kann an dieser Aktion schon sehen warum die Galerie zinke sowohl für die Kreuzberger Künstlerbohème aber auch für Kreuzberg insgesamt so wichtig gewesen ist. Denn hier zeigt sich das Subversive, das Sperrige. Künstler, die sich bewusst zwischen alle Stühle setzen, die ein gelebtes Außenseitertum mit gleichzeitiger Solidarität verbinden.

Wichtig finde ich es, auch den Untertitel der Ausstellung noch zu nennen: auf menschliche Art modern. Es ist für mich wirklich von Bedeutung den Menschen im Mittelpunkt zu sehen, egal ob es nun um Künstlerinnen, Arbeitslose, Markthändler oder Politikerinnen geht. Menschlich sein und bleiben, das ist mir wichtig.

Kreuzberg hat sich in den letzten 55 Jahren stark gewandelt, doch es ist und bleibt es ein offener, hier und da auch sperriger Bezirk, ein Ort der Gegensätze, kurz gesagt eine äußerst spannende Lebenswelt.

Hier haben die Macher der Galerie zinke, indem sie der Kreuzberger Bohème den Weg bereitet haben, einen enormen Anteil dran. Die Galerie zinke war sozusagen der Ursprung des Kreuzberger Kulturkosmos und wir können uns diesen Ursprung heute gemeinsam anschauen und darauf freue ich mich, ebenso wie auf die kommenden Ausstellungen in den nächsten eineinhalb Jahren.

Vielen Dank!

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