Liebe Leserin,
lieber Leser,

in den vergangenen zwei Wochen gab es eine Reihe von Ereignissen, die mich nachhaltig beschäftigt, empört, aber auch sehr berührt haben.

Stellen Sie sich vor, Sie dürften Ihre Stadt nicht verlassen, nur äußerst beschränkt Geld hinzuverdienen und wären auch sonst vom gesellschaftlichen Leben isoliert. Klingt irgendwie nach Strafvollzug, oder? Die Rede ist allerdings von Asylbewerbern, von Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, weil Krieg, Naturkatastrophen oder Verfolgung ihnen keine andere Wahl lassen. Die Unterbringung von Flüchtlingen und die Bedingungen, unter denen sie in Deutschland leben, sind in den letzten Monaten verstärkt in den Blick der Öffentlichkeit gerückt. Das Camp am Oranienplatz kann dabei als Symbol für den Protest der Flüchtlinge gegen ihre Aufenthalts- und Lebensbedingungen angesehen werden. Doch den Menschen dort wird nicht nur Sympathie entgegengebracht. Und so wurde für den 18. Juli ein weiterer runder Tisch anberaumt. Bedauerlicherweise fanden sich kaum Politiker bereit, daran teilzunehmen. Gemeinsam mit Aziz Bozkurt, dem Landesvorsitzenden der AG Migration und Vielfalt in der SPD Berlin, habe ich eine gemeinsame Erklärung zu diesem blamablen Vorgang verfasst, mit der wir unserem Unverständnis und unserem Unmut Ausdruck verleihen. Und als wären die Absagen nicht genug, musste sich am 18. Juli auch noch Innenstaatssekretär Krömer in einem Interview zu Wort melden und seine Sicht auf die Dinge formulieren. In einem Klima, wo Rechtsradikale – so wie in Hellersdorf – die Verunsicherung der Bevölkerung für ihre Zwecke missbrauchen, mahnte Krömer nicht zur Mäßigung, sondern versuchte, die eine Seite gegen die andere auszuspielen.

Ein besonders trauriger Tag war der 22. Juli, der 2. Jahrestag der Anschläge in Oslo und auf Utøya. Nicht nur in Norwegen gedachten die Menschen der 77 Opfer des Rechtsterroristen Anders Behring Breivik. Den Berliner Jusos ist für eine sehr berührende Solidaritätskundgebung vor der norwegischen Botschaft zu danken. So wurden die Bilder aller Opfer auf den Boden geklebt und jeder Teilnehmer wurde gebeten, eine Blume mitzubringen, um sie dort abzulegen. Es war eine Veranstaltung, die jedem Teilnehmer die Möglichkeit gab, der Opfer in Stille zu gedenken.

Und so verabschiede ich mich diesmal mit den Worten, die der norwegische Ministerpräsident Stoltenberg vor zwei Jahren im Angesicht der Tragödie fand: „Unsere Antwort ist mehr Demokratie und mehr Humanität.“

Ihre Cansel Kiziltepe

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