Smith, Ricardo, Marx und Keynes. Alle diese großen Ökonomen, die uns auch heute noch viel zur Erklärung von Krisen und Ungleichheit im globalen Kapitalismus zu sagen haben, kommen heutzutage in einem Studium der Volkswirtschaftslehre kaum noch vor. Stattdessen wird oft von einer perfekt flexiblen Wettbewerbswirtschaft gelehrt, in der alles auf effizienten Märkten zum Gleichgewicht strebt. Die Annahmen folgen der Logik, dass  Löhne immer ideal und auch gerecht sind, weil sie die Grenzproduktivität des Faktors Arbeit widerspiegeln; Lohnerhöhungen werden in vielen Fällen als ein Problem dargestellt, da sie nur Arbeitslosigkeit verursachen würden; ebenso werden Mindestlöhne nur als Störfaktoren für das Lohngleichgewicht gesehen. Diese weit verbreitete Lehre der Neoklassik durfte ich auch in meinem VWL-Studium erfahren und habe mich seitdem immer kritischer mit dieser Denkschule auseinander gesetzt.

Glücklicherweise lehrte zu meiner Studienzeit an der TU Berlin mit Jürgen Kromphardt ein ausgewiesener Keynesianer, von dem ich viel darüber lernte, wie wichtig eben auch die Nachfrageseite der Volkswirtschaft ist. Und warum es bei einer Maximierung der Wohlfahrt nicht immer nur Gewinner gibt, sondern auch Verlierer. Diese simple, aber viele Jahre ignorierte Erkenntnis, ist mit dem Revival der Ungleichheitsforschung wieder in Mode.

Gerechtigkeit ist eine Kategorie, die der Neoklassik tendenziell fremd ist. Der Mainstream der Wirtschaftswissenschaften ist der Gerechtigkeitsfrage weiterhin eine Antwort schuldig geblieben. Das ist nicht zuletzt in der großen Finanzmarktkrise in den Jahren 2007/08 offenkundig geworden. Die Vertreter/innen der Neoklassik hatten diese Krise weder kommen sehen, noch hatte sie geeignete Therapien in petto. Mit der starren Austeritätspolitik haben ihre Anhänger/innen in Südeuropa sogar vieles noch viel schlimmer gemacht. Ein Kurswechsel ist daher überfällig.
„Plurale Ökonomik“ heißt das Schlagwort, hinter dem sich vor allem kritische Studierende der Wirtschaftswissenschaften versammeln, das eingebettet ist in die Debatte um die vielfältige Universität – die „Pluriversität“

Aus diesen grundsätzlichen Einsichten, aber aus den eigenen Studienerfahrungen war ich sehr froh, am Abschlussplenum des 2. Workshops „Plurale Ökonomie“ des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) teilnehmen zu dürfen. Der IMK-Workshop bot an einem ganzen Wochenende interessierten Studierenden, Promovierenden und Nachwuchswissenschaftler/innen Einblicke in die Vielfalt des ökonomischen Denkens.

Die Debatte mit den Studierenden und Wissenschaftlern hat unheimlich viel Spaß gemacht. Es ist hoffnungsvoll, dass sich nicht nur in Deutschland, sondern weltweit kritische Ökonomen vernetzen und auf Pluralität in Lehre und Forschung drängen. Hier steht – bei aller Freiheit der Wissenschaft und der Selbstverwaltung der Hochschulen – auch die Politik in der Verantwortung. So wie Genderaspekte bei Ausschreibungen von Gutachten, Haushaltsaufstellungen, Forschungs- und Förderprogrammen immer eine Rolle spielen sollten, so muss dies auch für den Ansatz einer pluralen Ökonomie gelten. Im Rahmen meiner Möglichkeiten unterstütze ich den Ansatz einer kritischen Wirtschaftswissenschaft mit vielen anderen Abgeordneten zusammen mit dem Projekt „Steuermythen“ (www.steuermythen.de). Das Ziel ist klar: Steuermythen entlarven und für gerechte Lösungen streiten.

Teaserbild

(Bildquelle: IMK, http://www.boeckler.de/veranstaltung_imk_51516.htm)

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