KiezführungWieso ist das Kreuzberger Wappen zur Hälfte schwarz und zur Hälfte strukturiert wie eine Mauer? Und warum ist die Fassade des Springer-Hochhauses gebogen? Antworten auf diese und viele weitere Fragen gab es am Donnerstag für Cansel Kiziltepe und weitere Interessierte bei einem historischen Kiezspaziergang mit dem Kreuzberg-Kenner Frank Körner.

Los ging der Spaziergang am Standort der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Synagoge in der Axel-Springer-Straße. Hier erinnern heute Betonbänke an die einstige Bestuhlung und die Ausmaße des Sakralbaus. Frank Körner nutzte die Sitzgelegenheit seiner Gäste, um ihnen zunächst einiges Grundsätzliches über Kreuzberg und seine Geschichte zu erzählen – so etwa, dass der Bezirk einst nach der Gründung Groß-Berlins den Namen „Hallesches Tor“ getragen habe. Heute erinnert daran nur noch eine U-Bahn-Station.

Und auch die Frage nach dem Aussehen des Kreuzberger Wappens – ein Kreuz, halb schwarz, halb gemauert – beantwortete der erfahrene Stadtführer gleich zu Beginn: „Das Schwarz erinnert an die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, die Mauer an den Wiederaufbau.“ 1956 wurde das Wappen verliehen.

Weiter ging der Rundgang, an dem neben Bundestagskandidatin Cansel Kiziltepe rund 20 Interessierte teilnahmen, an der Stelle vorbei, an der einst das Wohnhaus des früheren SPD-Vorsitzenden und jüdischen Geschäftsmanns Paul Singer gestanden hatte. Heute ist hier in einem Neubau eine Krankenkasse beheimatet. Und ein weiteres Gebäude wurde nach dem Krieg neu errichtet: das Axel-Springer-Hochhaus auf der anderen Straßenseite.

„Springer wollte bewusst so nah wie möglich an der Sektorengrenze bauen“, betonte Frank Körner. Für den Verleger sei es ein symbolischer Akt gewesen, sein Haus eine Art Leuchtturm der Freiheit. Später strahlte eine Leuchtreklame ihre Botschaften bis tief in den sowjetischen Sektor der Hauptstadt. Doch eines konnte auch Springer nicht verändern: die Physik. Und so habe er den Anbau seines Hochhauses nicht ganz gerade, sondern leicht gebogen bauen müssen. „Man hatte nämlich Angst, die Fassade könnte sonst die Radarstrahlen vom nahen Flughafen Tempelhof ablenken.“

Über die Oranienstraße führte Frank Körner seine Gruppe weiter durch die Luisenstadt. Sie streiften die Otto-Suhr-Siedlung, gingen an der Bona-Peiser-Bibliothek, benannt nach der ersten deutschen Bibliothekarin, vorbei und gelangten so zum Moritzplatz. Hier, genauer gesagt an der nahen Sebastianstraße, war auch zu DDR-Zeiten der Übergang zum Bezirk Mitte. Wo früher Wachposten patrouillierten, erinnern heute noch in den Boden eingelassene Steine an den Verlauf der Berliner Mauer. In der Sebastianstraße reichte diese bis kurz vor die Kreuzberger Hausfassaden.

In der Luckauer Straße wartete dann noch ein Highlight sozialdemokratischer Geschichte auf die Gruppe. Wo sich heute ein Spielplatz in eine Baulücke duckt, stand einst das Hotel „Deutscher Hof“. Hier gründete sich 1945 die Berliner SPD neu, auch die Gegner eines Zusammenschlusses mit der KPD zur SED trafen sich ein Jahr darauf hier. „Die Befürworter saßen übrigens im ‚Max und Moritz‘ um die Ecke“, weiß Frank Körner zu berichten.

Auf dem Oranienplatz schließlich entließ er seine Gruppe nach gut zweistündiger Führung. Für die meisten ist klar: Sie werden wiederkommen. Frank Körner hat nämlich noch weitere Führungen durch andere Teile Kreuzbergs im Programm.

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