Einmal mehr wird die immer ungleicher werdende Gesellschaft diagnostiziert. Im aktuellen WSI-Verteilungsbericht wird ein beängstigendes Bild beschrieben.

Unter der zentralen Frage, wie sich die Ungleichheit seit dem Jahr 2005 entwickelt hat, warnen die Forscher vor einer schlimmeren Lage als vor 14 Jahren. Damals war die Einkommensspreizung besonders dramatisch. Nach einem zwischenzeitlichen Annähern sind die Werte mittlerweile unterhalb derer von vor der Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Reichen und Wohlhabenden werden immer reicher, doch der Rest der Bevölkerung kann nicht mithalten, verliert den Anschluss und wird ärmer. In den letzten 20 Jahren ist die Einkommensungleichheit gemessen am Gini-Koeffizient um 19% gestiegen. Obwohl die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland seit der letzten Wirtschafts- und Finanzkrise positiv ist und die Durchschnittseinkommen steigen, kommen die großen Leistungsüberschüsse und Erträge des Kapitalmarktes ausnahmslos den Gutsituierten zu. Im Gegensatz dazu ist die Armutslücke, der Einkommensbetrag, der den armen Haushalten fehlt, um über die Armutsgrenze zu kommen, zwischen 2011 und 2016 um 29 Prozentpunkte gestiegen.

Eine solche Entwicklung zeigt sich nicht nur in den Statistiken. Mit einer Politik für Reiche, die sich durch die Senkung des Spitzensteuersatzes, der weitgehenden Befreiung von Betriebsvermögen, ein zu kompliziertes und unfaires Steuersystem für Einkommensschwache und Steuerschlupflöcher bemerkbar macht, wird viel Potenzial verspielt und somit ist kein Ende der Einkommensungleichheit in Sicht. Problematisch ist, dass die Einkommensungleichheit für eine Polarisierung und Spaltung unserer Gesellschaft, aber auch Demokratieverdruss und Verlust des Zusammenhalts sorgt. Ungleiche Gehälter sorgen für ungleiche Lebenschancen.

Um dem entgegenzuwirken, haben die Forscher einige Vorschläge zur Verbesserung der Lage vorgelegt. Vor allem die Haushalte des oberen Endes müssen mehr an der Finanzierung des Gemeinwesens für eine stärkere Umverteilung beteiligt werden. Dazu müssen  eine Erhöhung des Mindestlohns, eine stärkere Tarifbindung, die Anhebung der ALG II-Regelsätze und andere arbeitsmarktpolitische Maßnahmen durchgesetzt werden. Denn sowohl direkte Finanzhilfen als auch Hilfen auf nicht-finanzieller Basis sind erforderlich, damit sich die Schere wieder schließen kann.

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